Sozialer Friedensdienst zur Völkerverständigung
 

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Wenn man zum ersten Mal in seinem Leben
auf eigenen Beinen stehen muss ...

Ein Besuch bei Frau Matei

Es ist Winter. Draußen regnet es richtig böse. Autos, Menschen, Unmengen Wasser, Schneematsch und Schlamm vermischen das Bild Sibius an diesem unwirtlichem Tag. Die Nacht ist eingebrochen. Der kalte Regen scheint die Menschen in ihre Blockwohnungen verscheucht zu haben.

Ich klopfe laut ans Fenster. Frau Matei scheint mich nicht zu hören, es rührt sich nichts. Dann noch ein Mal. Plötzlich höre ich eine gedämpfte Stimme: "Jaja jaja, ich komm schon!". Durch die schmutzigen Gardinen sehe ich die Umrisse von Frau Matei, die sich behäbig Richtung Eingangstür bewegen. Dann, etwa zwei Minuten nach meinem erneuten Klopfen, geht die massive graue Eingangstür langsam auf. Vor mir steht Frau Matei. Sie ist ein kleiner Mensch, in Lumpen gekleidet und ihre Wollmütze hat sie auch diesmal fest auf dem Kopf sitzen. Wegen ihren teilgelähmten und wundübersäten Beinen und Füßen trägt sie keine Schuhe, sondern ein merkwürdiges Gemisch zwischen Schuh und Socke. Sie schaut mich kurz an, "Hallo, mein Liebchen! Komm rein.", dreht sich langsam um und geht, sich stützend, wieder ins Wohnzimmer, eines der zwei Zimmer in ihrem Haus. Als sie dann die Tür zwischen der kalten Küche und dem dauerbeheizten Wohnzimmer aufmacht durchdringt mich ein Wärmewall. Es dauert eine Weile bis sie ihren vertrauten Platz auf einem mickrigen schwarzen Hocker neben dem großen Kachelofen findet. Sie setzt sich langsam hin. Ich ziehe meine zwei Pullis und meine Winterjacke aus und schaue auf die Decke, die durch den Ruß des Kamins zum Großteil geschwärzt ist. Das Feuer brennt auf Maximalflamme. Das Zimmer wird allein durch das Kaminfeuer und dem sanft durchs Fenster dringendem Licht der Straßenlampe erleuchtet. Frau Mateis fortwährend brennende, selbst aus zwei geschwärzten Tellern und einem Brenngefäß zusammengebaute Gebetslampe mag ihr übriges dazugeben.
Ich frage sie wie's ihr geht. "Nicht so gut mein Liebchen. Das verdammte Bein tut mir so weh!" Ich gebe ihr ihre zwei Packungen filterlose Zigaretten - sie bekommt insgesamt sechs Packungen pro Woche - und frage sie, ob sie noch etwas aus dem Geschäft braucht. Sie verneint und holt ihre Geldtasche aus ihrem Ausschnitt, wo sie sie zusammen mit anderen wichtigen Akten und Papieren zum Schutz vor Dieben aufbewahrt. Dann gibt sie mir das Geld für die Zigaretten, bringt ihre Geldtasche wieder in Sicherheit und zündet sich eine Kippe an. Den Rauch zieht sie nicht in die Lunge, sie hat schon immer gepafft. Sie legt Kaffe auf. Wir kommen ins Gespräch.

Ich frage sie, ob sie denn heute schon was zum Essen bekommen hat. Wie immer verneint sie. Sie leidet an schweren Gedächtnisstörungen und kann sich sehr schlecht erinnern. Dann fängt sie an zu erzählen. An die Zeiten als Ceausescus Sohn Nicu über den Zaun geklettert ist, um sie in ihrem Fleischbetrieb zu besuchen, wo sie lange gearbeitet hat, kann sie sich noch gut erinnern. Er hat sich um die Arbeiter gekümmert sagt sie. Heute ist den Politikern alles egal. Ich frage wann ihre Eltern verstorben sind. Ihren Vater kannte sie nicht. Er war angeblich, so erfuhr sie von den Alten aus ihrem Dorf, ein Draufgänger, einer der von den Nutten zu Grabe getragen wurde. Ihr Mann ist 1973 gestorben, das Datum ist eines der wenigen Dinge, die sie immer weiß. Sie erzählt gerne von ihrem Mann. Kurz nach seinem Tod sind ihre Mutter und ihre Schwester gestorben. Dann wurde Frau Matei zum Teil gelähmt. Ihr Bruder lebt zusammen mit seiner Ehefrau weit weg in einem verlassenen Dörfchen und kommt sie kaum noch besuchen. An das letzte Mal, dass er da war, kann sie sich kaum noch erinnern. Auf jeden Fall solls über zwei Jahre her sein. "Hast du schon gehört,", sagt sie, "die haben diesen Saddam getötet. Kam heute im Radio. Er tut mir leid...". Ich sage ihr, dass dieser Mensch ein Massenmörder gewesen ist und seine eigenen Leute ermorden ließ. "Dann hat er den Tod verdient! Ich selber könnte keiner Fliege was zu leide tun.".
Dann erzählt sie mir von ihrem Mann, als dieser einen Jungen verschlagen hat, weil er in sein Öl reinpinkelte. Sie lacht. Sie glaubt, dass die Zigeuner absichtlich Wasser ins Öl reinmischen und dass deshalb ihre Gebetslampe manchmal nicht brennt. Auch diesmal sehe ich eine Wasserschicht in der Ölflasche. Sie leert das Wasser vorsichtig in eine Plastikflasche, die sie dann in ihr kleines Küchenkämmerlein stellt, wo sich duzende weitere leere Plastikflaschen befinden. Sie erzählt wieder von den Zeiten als Ceausescu noch war. Damals war alles besser. Bananen soll es damals auch gegeben haben, nur eben nicht so viele wie heute. "Ceausescu hat uns alles gegeben, was wir gebraucht haben." Nur Freiheit eben nicht...

Wie viele andere, auch junge, Rumänen glaubt Frau Matei nicht, dass der Mensch vom Affen abstammt. Ihre Mutter hätte sie schließlich gezeugt und die war ganz bestimmt kein Affe.
Ich höre die Regentropfen auf die Holzveranda vor Mateis Wohnung knallen. Draußen ist es mittlerweile stockfinster und es ist nicht mal sechs Uhr. Ich sehe sie noch mal an. Umhüllt in Rauch trinkt sie langsam ihren überzuckerten Kaffee aus ihrer roten, schmutzigen Plastikkanne in ihrer schaurigen, halbdunklen Zimmerecke. Allein. Denn ich werde in zwei Minuten wieder gehen und außer mir und meinem Kollegen kommt Frau Matei nur noch mit zwei Personen in Kontakt: Ihre Nachbarin, die sich mehr schlecht als recht machmal um sie kümmert und dem Jungen vom Altenheim, der von Montag bis Samstag zwei Minuten in ihre Wohnung kommt, um ihr Essen auf dem Tisch zu schmeißen.

Frau Mateis Aussehen, die Zustände unter die sie lebt, ihre Ansichten und ihre Weltsicht ähneln denen der anderen elf Alten, die wir betreuen.


Die Alten

Auf meinen täglichen Altenbesuchen in Sibiu kam ich vor allem mit einer Sache regelmäßig in Berührung: Armut. Die Fassade des geschmückten Boulevards mit endlosen Boutiquen und Geschäften, in denen man selten ausreichende Kundschaft sichten konnte, schwand, sobald man sich nur einige Meter abseits bewegte und in die Wohnung von unseren Alten eintrat. Hier herrschte Kargheit, Leere, Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit. Die Alten selbst waren diejenigen, die den Räumen und der Leere Essenz und Leben einhauchten. Trotz ihrer schlimmen Lage konnte man sie oft lachen hören. Jedes Mal, als ich oder mein Kollege zu ihnen kamen, freuten sie sich, denn für viele waren wir die einzigen, die sie besuchen kamen. Ihre Bescheidenheit, ihre Zufriedenheit mit dem wenigen, dass sie haben und ihre Liebenswürdigkeit waren für mich bewundernswert. Wir sind mit Gewalt, Alkoholismus, furchtbaren Krankheiten und mit dem Tod konfrontiert worden, was nicht leicht zu verarbeiten war. Trotzdem habe ich das Gefühl viel in diesem Jahr gelernt zu haben und dafür bin ich dankbar.


Die Kirche

Die Tatsache, dass die Evangelische Kirche in Sibiu uns bei unserer Arbeit finanziell, materiell und persönlich enorm unterstützt hat, muss hier besonders hervorgehoben werden. Über die Art und Weise, wie sie das getan hat, kann man hingegen viel und ausgiebig diskutieren. Die Evangelische Kirche selbst ist eine Art Konsortium aus vielen Institutionen die da wären: die Ev. Akademie, das Ev. Konsistorium, die Ev. Uni, die Ev. Diakonie, das Ev. Pfarramt, die Ev. Spendenapotheke etc.. Die Kooperation und Koordination dieser "Subunternehmen" hingegen ließ oft zu wünschen übrig. Nicht selten kam es vor, dass man zwei oder drei Mal von einem zum anderen geschickt wurde, weil man gegenseitig nicht übereinander bescheid wusste. Dass das viel mit der rumänischen "Abwarten, es wird sowieso was passieren"-Mentalität zu tun hat, ist nicht abzustreiten aber vieles wäre viel einfacher gewesen, hätten Organisation und Professionalität gestimmt.
Dass aber fehlende Koordination auch ihre gute Seite hat, beweist folgendes Geschehnis: Nachdem die zuständige Stelle bei der Ev. Kirche es versäumt hatte, unsere Akten für die Visaverlängerung bei der zuständigen Stelle in Bukarest einzureichen, sahen wir uns gezwungen, zwischen einer saftigen Strafe, dem Verlassen und der anschließenden Wiedereinreise ins Land zu entscheiden. Da aber beide Möglichkeiten sich als ausgesprochen kostspielig bzw. langweilig erwiesen, beschlossen wir (drei deutsche und zwei österreichische Zivis), einen Kurztrip nach Belgrad mit dem Kleinbus von unserem Chef zu wagen, was sich im nachhinein als die beste Wahl herausgestellt hat. Unser Visaproblem war dann natürlich auch erledigt.

Andrei Teusianu, Sibiu (Hermannstadt) / Rumänien

 
Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: Mittwoch, 18.01.2006